Angedacht

Vielleicht muss man diesen Vers aus Psalm 38 öfters lesen, vielleicht einmal mehr innerlich auf sich wirken lassen, um zu entdecken, welche Entlastung in diesen Worten liegt…

Gedanken zum Monatsspruch Oktober 2018:

„All mein Sehnen, Herr, liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen.“     (Psalm 38, 10)

Da ist ein Ort, ein Gegenüber, an dem man ohne Einschränkung zugeben kann, wieviel Sehnen, wieviel Seufzen in mir ist. Ein Ort an dem nichts verborgen werden muss – weder vor sich selbst noch vor anderen. Ja, es braucht diese Zeiten, in denen man erinnert werden muss, dass man nicht selbst  mit allem fertig werden muss. Dass man sich mit allem, was in einem ist – auch dem Schmerzlichsten – an Gott wenden kann. ER kennt alles Sehnen und Seufzen, denn er schaut mit tiefer Liebe und großer Barmherzigkeit in das Herz des Menschen. Nichts ist ihm verborgen.

Ein Vertriebsmanager in einer großen Firma arbeitete sehr engagiert und hatte scheinbar unendlich Kraft und Energie – die ganzen sieben Tage in der Woche – und dann plötzlich ging nichts mehr. Wirklich nichts mehr. Er litt unter einer Erschöpfungs-depression. Er brauchte sehr viel Ruhe, um sich wieder selbst zu finden. In der Klinik hat er einen neuen Zugang zu sich, zu seinem Leben gefunden. Im Rückblick sagt er von sich selbst: „Ich bin kein frommer Mensch, aber ich habe in meiner Einsamkeit angefangen, mit Gott ins Gespräch zu kommen und ihm meine Fragen zu stellen. Warum er so in mein Leben pfuscht, mir meine Karriere versaut. Aber dann ist aus diesen Vorwürfen ein tiefes Nachdenken über mein Leben geworden. Mir ist noch einmal bewusst geworden, dass mein Leben ein kostbares Geschenk ist. Ich habe es mit einer Turbomaschine verwechselt – je mehr Energie ich reinstecke, umso mehr kommt heraus. Ich musste neu lernen, das Leben etwas mit Unverfügbarkeit zu tun hat. Und ich konnte irgendwann zulassen, dass ich nicht auf alle Fragen eine Antwort habe – und auch nicht bekomme. Mit manchen Einschränkungen muss ich leben lernen.“

Nein, Krankheit ist keine Strafe. Krankheiten kommen vor – sie sind biologische Defekte. Krankheiten sind nicht Zeichen eines fehlenden Glaubens, denn Glaube und Segnung verhindern auch keine Krankheiten. Manche Gene und Zellen spielen einfach verrückt…und fragen nicht nach Gottvertrauen.

Die Zeit der Krankheit kann allerdings eine Zeit sein, über das eigene Leben intensiver nachzudenken, den Schmerz und das Seufzen zu zulassen und für sich selbst erkennen, wo man selbst sein Leben zu sehr belastet hat. Wie gut, wenn es einem gelingt, selbst in diesen Situationen nicht das Gespräch mit Gott aufzugeben. Diese ganz tiefe Sehnsucht, dass Gott mich in meiner Situation wahrnimmt: „All mein Sehnen, Herr, liegt offen vor dir, und ich vertraue darauf, mein Seufzen ist dir nicht verborgen.“

Krankheit als Chance zu sehen, ins Gespräch mit Gott über das eigene Leben zu kommen – und so von Gott befreit zu werden, um sich mit sich selbst auseinandersetzen zu können. Krankheit nicht als Strafe zu begreifen, wohl aber als einen manchmal tiefen Einschnitt, einen Einbruch in mein gewohntes Leben. Man wird herausgefordert, darüber nachzudenken, auf welche Stimmen man hören, welchen man folgen will. Ehrlich sich selbst gegenüber zu werden und sich eingestehen, welche tiefe Sehnsucht in einem lebt. Auch die Sehnsucht, sich fallen lassen zu können und sich in Gott geborgen zu wissen.

Pastor Wilfried Weniger